Monday thoughts #46 – Sexuelle Gewalt in der schwulen Literatur. Ein neues Stilmittel?

Info:

In diesem Artikel geht es speziell um die Problematik in der schwulen Literatur, dabei sollte aber klar sein, dass dies auch der Fall in anderen Genres ist. Da das Gay Genre aber noch etwas überschaubarer ist, fallen solche Extremfälle eben auf.

Dieser Artikel soll zum Nachdenken anregen und nicht, um sich gegenseitig niederzumachen. Wenn sich jemand angesprochen fühlt, tut es mir Leid, wobei es natürlich sinnvoll wäre zu hinterfragen, warum dem so ist 😉

Ich freue mich aber, dass viel positive Resonanz kommt!

Danke für Eure Unterstützung.

mondaythoughts46

Ich möchte heute noch mal auf eine Begebenheit hinweisen, die immer noch ihre Kreise zieht, mich persönlich sehr betroffen macht und gestern auch zu einer weiteren Diskussion auf Facebook geführt hat – *klick*

Sexuelle Gewalt im Gay Genre

Ich hab es bereits vor ein paar Wochen schon mal, im Rahmen des ‚Gay Friday‚, angesprochen – hier gibt es alle relevanten Links *klick*.

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Ein neues Stilmittel?

Ich spreche nicht von gewollter Gewalt, wie im BDSM – Bereich, da kenne ich mich ehrlich gesagt auch gar nicht aus, sondern von der Massenproduktion „Vergewaltigung“ in der schwulen Literatur. Präziser gesagt, von diesem dilettantischen Vergewaltigungs/Friede-Freude – Eierkuchen – Mischmasch, den man so oft vor die Nase gesetzt bekommt.

Ich hab absolut nichts dagegen, wenn man diese Thematik einbaut. Viele Geschichten setzen auch genau da an und bauen darauf auf, manchmal passt es auch. ABER dann sollte es auch richtig gemacht werden. Was leider viel zu wenig beachtet wird.

Ich habe keine psychologische Ausbildung und habe auch noch nie mit Opfern eines solchen Verbrechens zu tun gehabt, aber trotzdem fällt mir das auf. Dafür reicht der gesunde Menschenverstand und ein kleines bisschen Mitgefühl.

Autoren tragen Verantwortung

Wenn ich mich dazu entscheide sexuelle Gewalt in eine Geschichte einzubauen, dann versuche ich doch so viel wie möglich über diese Thematik zu recherchieren, um meine Leser nicht mit Halbwissen zu überschütten. Eigentlich sollte jedem klar, sein, dass die körperlichen Folgen einer solchen Tat in keinster Weise mit den seelischen Folgen zu vergleichen sind. Der Körper kann heilen, die Seele nicht. Opfer einer solchen Tat haben ihr Leben lang mit den seelischen Verletzungen zu kämpfen. Sie lernen damit zu leben und sie zu ertragen. Komplett verheilen werden sie nicht.

Daher sind diese rosaroten Seifenblasen-Welten, die man als Leser teilweise vorgesetzt bekommt, absolut aus der Luft gegriffen und vermitteln ein völlig falsches Bild. Ich kann doch nicht meinen Protagonisten durch die Mangel drehen, ihn einer solch grausamen Tat aussetzen, nur um ihm dann seinen Traummann vor die Nase zu setzen und dann eine „Und sie lebten glücklich miteinander bis ans Ende ihrer Tage“ – Szene zu konstruieren. Ein Happy-End ist oft genau so wichtig für den Autor, wie für den Leser. Da schließe ich mich auch an. ABER das ist nach so einer schlimmen Erfahrung nicht immer ganz glücklich gewählt.

That’s way beyond reality!

Fiktion vs. Realität

Eigentlich zwei komplett verschiedene „Welten“, die nicht ohne einander können und sich natürlich immer wieder überschneiden, doch es scheint, als würden sich die Grenzen immer mehr verschieben und vermischen. Nicht nur in der Realität kommen immer mehr Täter mit solchen Straftaten davon, auch in der Literatur wird es immer öfter so dargestellt, als habe das alles keine Auswirkungen. Weder für Täter, noch für Opfer oder für die Angehörigen.

Unwissenheit vs. Kalkül

Die Frage ist natürlich: Warum? Warum baut man als Autor so eine Szene ein, oft auch noch sehr detailliert? Klar, das dramatisiert. Man will es den Protagonisten auch nicht zu einfach machen. Aber geht es nicht auch ein bisschen weniger drastisch? Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Es gibt so viele andere Möglichkeiten, die Protas zu „quälen“ oder es ihnen schwer zu machen, ohne auf dieses „Hilfsmittel“ zurückzugreifen.

Ich glaube, dass auch viele Autoren gar nicht wissen, wie eine solche Szene ankommt, möglicherweise drücken sie sich auch einfach unglücklich aus. Oder sie gehen wirklich mit einer eher naiven Einstellung an die ganze Sache ran. Keine sehr guten Voraussetzungen!

Ich denke aber auch, dass das einige Autoren bewusst machen. Das schockt, das intensiviert die ganze Story. Möglicherweise möchte man einfach auf den geldträchtigen Zug aufspringen, den die BDSM – Literatur gerade fährt. Aber da gibt es auch einen großen Unterschied. Das ist gewollt. Vergewaltigungen nicht. Das ist auch nicht anregend oder erotisch.

Versucht man vielleicht auch eine Fantasie zu befriedigen? Sie zu verklären und salonfähig zu machen?

Der Leser

 Liebe Leser, bitte macht doch den Mund auf! Reflektiert! Lest aufmerksam!

Man kann und DARF auch Autoren nicht alles durchgehen lassen. Man kann zwar nicht mehr machen als es ihnen zu sagen. Entweder in einer persönlichen Mail oder in einer Rezension, natürlich alles auf respektovolle Art und Weise, aber das ist doch schon mal was. Möglicherweise ist ihnen wirklich nicht klar, was sie da gemacht haben.

Ich bin auch immer wieder schockiert, wie viele Leser einfach über eine Misshandlung bzw. Vergewaltigung hinweggehen und es ignorieren, teilweise auch gar nicht als solche wahrnehmen, sich aber über jeden kleinen Mist aufregen.

Achtung, jetzt kommt wieder mein Lieblingsbeispiel. Aber nur, weil ich eben dabei war bzw. es auch aus erster Hand erfahren habe. Die Schlangenfluch – Leserunde: Wer die Trilogie von S.B. Sasori gelesen hat, weiß, dass der Prota Samuel jahrelang misshandelt worden ist. Das interessiert niemanden. Ist ja nicht schlimm *Achtung: Ironie*. Aber dan küssen sich zwei Brüder. Wohlgemerkt in bds. Einverständnis. OMG! Wie kann man nur? Das geht ja ÜBERhaupt nicht.

Ich hab neulich eine Mail bekommen von einer Leserin, die gerne schwule Literatur liest. Die hat sich über meinen Beitrag zur Gewalt in der schwulen Literatur aufgeregt.

O-Ton. „Was regst du dich denn darüber auf, ist doch in der schwulen Szene normal!“

Ähm, nein! Das ist nicht normal. Allein, dass diese Assoziation entsteht, zeigt, dass Buch und Leser nicht immer zusammenpassen.

Letzte Worte

Ich möchte mit diesem Beitrag einfach noch mal zeigen, dass das ein Thema ist, das uns alle angeht. Man muss diese „gewollte“ Verharmlosung solch grausamer Taten einfach verdeutlichen.

Also reflektiert was das Zeug hält und noch wichtiger, macht den Mund auf. Steht für Eure Meinung ein, auch wenn der Autor sie nicht unbedingt hören will.

7 Gedanken zu “Monday thoughts #46 – Sexuelle Gewalt in der schwulen Literatur. Ein neues Stilmittel?

  1. swantjesgeschichten schreibt:

    Es steht und fällt mir der Recherche und einem guten Einfühlungsvermögen. Das hast du auf den Punkt gebracht. Protagonisten sind auf ihre Weise auch Personen, mit denen der Autor verantwortlich umgehen muss. Immerhin hat er sie ins Leben gerufen. Sie besitzen einen Anspruch auf Authentizität im Bereich ihres fiktiven Lebens. Das klingt paradox, ist es aber nicht. Niemand sollte mit dem Thema Gewalt leichtfertig oder unrealistisch umgehen.

  2. bigeyesramona schreibt:

    Ein schwieriges Thema, das gerade ziemlich Wellen schlägt – auch bei vielen Autoren, aber was soll man anderes machen, als das wieder und wieder zu sagen?!
    Ich denke, dieses Thema ist auch sehr präsent im „Hetero“- Genre, ich hab es aber dort noch nicht in dieser Hülle und Fülle gelesen.

    Gewalt gehört zum Leben. Seit es Menschen gibt, gibt es auch Gewalt. Wobei ich finde, dass es keine persönlichere Gewalt als die sexuelle Gewalt gibt und somit muss man sie auch entsprechend behandeln. Es reicht ja schon, wenn man sich ein bisschen einfühlt und es etwas realistisch gestaltet.

  3. celia Jansson schreibt:

    Du sprichst mir echt aus der Seele. Danke, dass du dieses Thema so oft ansprichst.
    Ich kann echt nicht nachvollziehen, wie manche Autorinnen vor allem mit dem Thema umgehen.

  4. bigeyesramona schreibt:

    Bitte schön. Ich finde das Thema wichtig und es bringt nichts, wenn man das totschweigt.
    Allerdings kommt gerade auch etwas negative Resonanz. Da bin ich wohl jemandem auf den Schlips getreten 😉

  5. Kleine_Buecherinsel schreibt:

    Ich finde dieses Thema wichtig, auch wenn ich meist erst ein paar Tage später dazu komme, deine Artikel zu lesen.
    Mit deinen Berichten kann ich mich identifizieren. Mir geht es häufig auch so, halt in anderen Genres, weil im Gay-Genre bin ich noch nicht so belesen. Die Aussagen: Es sei normal in der Schwulenszene, sich Gewalt anzutun, finde ich absolut daneben. Genauso, wie man bei BDSM rohe Gewalt anwenden darf, ohne auf seinen Gegenüber einzugehen. Oder Vergewaltigung in historischen Romanen immer vorkommen und die Protas sich damit abzufinden haben, weil es damals schon fast Normalität oder „zum guten Ton in der Gesellschaft“ gehörte, wenn der Mann über reichlich Frauen hinwegsteigt.
    Es wird über Menschen geschrieben, fühlende Wesen. Da muss man als Autor ein wenig Empathie schon zeigen. Das ist ein sensibles Thema und wenn man unwissend ist, dann sollte man es wirklich lassen.

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