Monday thoughts #82 – Der ’stumme Leser‘

stummerleser

Dass das Rezensieren in der letzten Zeit deutlich abgenommen hat, ist vermutlich allen bekannt – besonders natürlich den Autoren. Von diesen hört man immer wieder, dass kaum Rückmeldungen zu ihren Büchern kommen. Auch auf Amazon stolpert man oft über Geschichten, die lange Zeit die „Gaybook“ – Charts anführen, und somit relativ viel Zulauf haben, aber kaum Bewertungen bekommen. Woran liegt das?

Wenn man sich mal umhört, gibt es 3 Faktoren, die wohl sehr großen Einfluss auf das „Nicht-Rezensieren“ haben:

Zeit

Ja, das mit der Zeit ist so eine Sache. Der Tag könnte ruhig 48h haben. Ich kann auch nur einen Bruchteil dessen rezensieren, was sich so über das Jahr verteilt lese. Dabei versuche ich aber, eine ausgewogene Mischung für meine Blogleser bereitzustellen. Verschiedene Verlage und SPler, amerikanische Gaybooks und Bücher, die sich fernab des Mainstreams bewegen. Alles sehr zeitintensiv. Meine Rezensionen sind in der Regel auch etwas länger.

Allerdings hat jeder irgendwann mal 2-3 Minuten Zeit, die man nutzen kann, um ein paar Worte zu einem gerade gelesenen Buch zu schreiben. Muss ja kein „Roman“ werden.

Unsicherheit

Wie schreibe ich eine Rezension? Tja, das ist so eine Sache. Rezensionen sind subjektiv – daher gibt es auch keinen strikten Leitfaden, an den ich mich halten kann. Jeder hat einen eigenen Stil zu rezensieren.

Als ich meine erste Rezension geschrieben habe – damals noch als „reiner“ Leser – war ich auch unsicher. Was muss/darf/soll in eine Rezension? Das ist gar nicht so einfach, man muss es einfach ausprobieren. Wenn ich da an meine ersten Versuche denke … Nee, lassen wir das lieber 😉 Man entwickelt sich mit jeder einzelnen Rezension weiter, wird sicherer. Aber man muss es halt probieren.

Jeder hat eine Meinung nach dem Lesen. Hat mir das Buch gefallen? Waren die Protas sympathisch? Welche Emotionen hat die Geschichte ausgelöst? Welche Fragen sind offengeblieben? War die Handlung logisch?

Also lasst es raus!

Angst

Die Angst vor Beleidigungen und öffentlicher Hetze ist groß. Verständlich. Man sieht und hört es ja immer wieder, wie manche Autoren auf Kritik reagieren. Als Leser kann man sich, im Gegensatz zu Bloggern, anonym durch die Buchwelt bewegen. Auf Goodreads, Amazon oder Lovelybooks kann man sich einen Nicknamen zulegen, der nicht mit der eigenen Person in Verbindung gebracht werden kann, allerdings trifft es einen trotzdem, wenn unprofessionelle Kommentare, oder gar Beleidigungen, von den Autoren und Hardcore-Fans kommen.

Es ist eine schwierige Angelegenheit, und die erste schlechte Rezension, die man schreibt, kostet immer Überwindung. Aber solange ihr sachlich bleibt, ist das alles kein Problem.

Merkt Euch 2 Dinge:

– Autoren, die unprofessionell auf Kritik reagieren, den Rezensenten öffentlich an den Pranger stellen und beleidigen, schaden letztendlich nur sich selbst.

– Künstler, Dienstleister und Wissenschaftler geben ihre Arbeiten der breiten Masse preis, bekommen Geld dafür – d.h., sie MÜSSEN auch mit Kritik umgehen können.

Also macht Euch da am besten gar keinen großen Kopf.

Warum ist Feedback so wichtig?

Kritik ist ein essentieller Bestandteil, um sich weiterentwickeln zu können. Rezensionen sind für Leser und Autoren deshalb sehr wichtig.

Autoren

Autoren sind auf Rezensionen angewiesen. Nur so wissen sie, ob ihr Buch gefällt oder nicht. Vielen reicht auch schon ein kleines „hat mir gefallen“ auf FB oder Amazon. Aber so ganz ohne, ist nicht schön.

Wichtig ist es auch, Kritik zu üben, wenn wirklich gravierende Mängel da sind. Rechtschreibung, Logik etc. Damit können die Autoren arbeiten, wissen was sie beim nächsten Mal anders machen können bzw. sollten.

Positives Beispiel: Ich hab vor ein paar Monaten ein Buch rezensiert, das mir eigentlich gut gefallen hat, das aber leider handwerklich sehr zu wünschen übrigließ. Nach der Veröffentlichung der Rezension hat sich die Autorin mit mir in Verbindung gesetzt und sich bedankt. Sie hat nämlich nicht gemerkt, dass monatelang die falsche Version im Verkauf war. Als Dankeschön bekam ich die richtige Ebook – Fassung zugeschickt.

Ihr seht also, Kritik ist wichtig.

Leser

Als Leser achte ich auch auf Rezensionen, vor allem, wenn ich mir bei einem Buch nicht ganz sicher bin. Am liebsten schaue ich mir dann die negativen Rezensionen an. Damit kann ich mir vorab ein kleines Bild machen. Gibt es da Komponenten im Buch, die ich nicht in einer Geschichte haben möchte? Oder besteht das Buch aus mehr Rechtschreibfehlern als Handlung? Gibt es gravierende logische Fehler?

Andererseits ist eine Rezension nicht nur eine Bewertung, sondern soll auch potentielle Käufer anlocken. Es macht riesigen Spaß mit Wörtern und Andeutungen zu spielen und so das Feuer der Neugierde zu schüren. Probiert es mal aus 🙂

Konsum vs. Reflektion

Für mich ein ganz wichtiger Punkt. Wir sind Teil einer Konsumgesellschaft – auch innerhalb der Bücherwelt. Es wird konsumiert ohne Ende. Ein Buch jagt das nächste. Dabei bleibt aber etwas auf der Strecke: die Reflektion. Und da kann eine Rezension Abhilfe schaffen.

Während des Schreibens einer Rezension kann man die Geschichte noch mal Revue passieren lassen – noch mal nachfühlen und sich ein weiteres Mal mit dem Inhalt der Geschichte auseinandersetzen, ebenso mit den Emotionen, die sie ausgelöst hat.

Für mich ist das eine Bereicherung – ich bin ich immer wieder erstaunt, wenn ein Buch, das ich Wochen zuvor gelesen habe, beim Rezensieren immer noch die gleichen Begeisterungsstürme in mir auslöst, während andere, mit etwas Abstand betrachtet, eher verblassen und ihr – für mich – wahres Gesicht zeigen.

Seid ihr auch „stumme Leser“ und wenn ja, warum?

10 Gedanken zu “Monday thoughts #82 – Der ’stumme Leser‘

  1. Sui schreibt:

    Ich muss zugeben: ich bin einer dieser stummen Leser.
    Ich hasse nichts mehr als eine Rezession zu schreiben. Mir behagt der Gedanke nicht, dass jeder lesen kann, wie ich das Buch finde. Das ist etwas persönliches.
    Zumal ich eine verdrehte Ansicht habe (oder anders gesagt: ich bin sehr individuell). Mir gefallen Sachen nicht, die total beliebt sind oder anders herum.
    Ich tauche beim Lesen völlig ab, daher gehen mir viele Sachen durch. Besonders Rechtschreibfehler, selbst Logikfehler oder Lücken – ja ich merk nicht mal wenn der Autor oder die Autorin während der Geschichte die Augenfarbe des Protagonisten ändert. Das würde meine Rezession unglaubwürdig machen.
    Ich habe für mich einen anderen Weg gefunden, weil ich erkannt habe, wie wichtig Feedback für einen Autor ist. (Außerdem würde ich gern selbst welches erhalten, wenn ich irgendwann mal so weit bin – was aber auf einem anderen Blatt steht) Jedenfalls bin ich dazu übergegangen die Autoren „persönlich“ anzuschreiben; per Facebook oder Email. Da kann ich dann auch nach herzenslust spoilern – wobei es dann kein Spoilern ist.

  2. Ramona schreibt:

    Hallo Susi,

    ein persönliches Feeback ist bestimmt jedem Autor gerne willkommen. Das ist eine gute Alternative zur Rezension 🙂

  3. Birgit schreibt:

    Ich habe mal Rezis geschrieben. Aufgehört habe ich ursprünglich tatsächlich weil ich eine Diskussion mit einer Autorin hatte. Ich fühlte mich betrogen, weil sie eines ihrer Bücher unter anderem Titel und mit umbenannten Hauptprotagonisten nochmals herausgebracht hat und dies für mich beim Kauf nicht erkennbar war.
    Später habe ich erfahren, dass diese Neuauflage wohl mit den Problemen zu tun hatte, die mehrere Autoren mit dem FWZ-Verlag hatten.
    Danach habe ich aufgehört Rezis zu schreiben. Denn auch wenn ich immer noch der Meinung bin, dass meine Äußerung an dieser Stelle gerechtfertigt war, tat mir die Autorin leid, da sie sicherlich zu dieser Zeit genügend andere Probleme hatte und ich es ihr nicht einfacher gemacht habe.

    Inzwischen ist bei mir allerdings der Hauptfaktor Sucht… aber nicht so, wie Ihr vielleicht denkt, sondern die Sucht zu lesen. Wenn ich abends ein Buch durch habe, dann fange ich gleich das nächste Buch an. Ich brauche einfach das geschrieben Wort um mich zu entspannen.
    Wenn ich dann das nächste Mal am PC sitze bin ich schon wieder so in der neuen Geschichte drin, dass ich keine vernünftige Rezi mehr für das vorherige Buch schreiben kann.

    Außerdem gefallen mir fast alle Bücher. Klar ist das eine Buch besser oder schlechter im direkten Vergleich. Die meisten sind aber einfach nur anders als das Vorherige.
    Manches Buch gefällt einem auch erst gar nicht, weil man etwas anderes erwartet hat. Und wenn man es dann ein zweites Mal liest, ist es Klasse, da man ganz anders herangegangen ist.
    Nebenbei ändert sich der Geschmack im Lauf der Jahre. Viele Bücher, die ich vor einigen Jahren bewertet haben, würde ich heute anders rezensieren. Teilweise habe ich alte Rezis schon gelöscht, weil sie zu sehr von meiner heutigen Einstellung abweichen.
    Außerdem fällt mir weniger als ein „Gut“ schwer. Die Autorinnen/en haben alle ihr Herzblut reingesteckt. Wie soll man das bewerten? Und ob es ihnen wirklich hilft, wenn ich alles nur positiv beurteile?

    Bei dieser Gelegenheit möchte ich anmerken, dass ich – wenn es auch selten Echos auf meine Rezis gab – dann meistens negatives Feedback von den Hardcore-Fans erhalten habe. Und das selbst dann, wenn meine Bewertung ein „gut“ war (es war nun mal kein „sehr gut“). Auch dies schreckt manchen Rezensenten auf Dauer ab.

    Ein Grund vielleicht doch irgendwann mal wieder Rezis zu schreiben: Einer meiner Lieblingsautorinnen hat zwei meiner Rezis verlinkt, weil sie sich darüber gefreut hat. Als ich das herausfand, habe ich mich ebenfalls gefreut.

  4. M. schreibt:

    Wenn ich die Rezensionen zu den von mir gelesenen Bücher so ansehe, stelle ich je länger, je mehr fest, dass mein eigener Geschmack immer mehr vom Mainstream abdriftet.
    Da werden Begeisterungrezensionen geschrieben bei Geschichten bei denen ich nur den Kopf schütteln kann. Da gibt es Logiklöcher, komische Charakteren ohne jede Entwicklung und kaum Handlung, aber Hauptsache zuckersüß und viel Sex. Die Mehheit findet das Buch toll, da frage ich mich, was soll ich dazu sagen, hat es da überhaupt einen Sinn kritisch etwas anzumerken? Ich habe so einige Rezensionen von mir gelöscht, bevor ich sie abgeschickt habe.
    Für mich selber habe ich zwei, drei Rezenten (im negativen) nach denen ich mich orientiere. Wenn die es gut finden, lasse ich lieber die Finger von den Romanen.
    Meine positiven Rezensionen hingegen platziere ich gern.

  5. Amaryllis schreibt:

    Eine sehr merkwürdige Frage, finde ich. Aber vielleicht bin ich einfach zu alt für Web 2.0. Der Autor schreibt ich lese, fertig. Eine Kommunikation darüber hinaus hab ich noch nie ernsthaft angestrebt (ja klar würde man mal gerne einen Abend mit Nesbo, Haas oder Böll verbringen). Es ist ja O.K. wenn jemand gerne rezensiert und ich nutze das ja auch gern, sonst würde ich hier ja nicht lesen. Daraus aber herzuleiten bzw. die Erwartung in den Raum zu stellen, dass „jeder“ Leser seinen Kommentar abgeben soll finde ich übertrieben.

  6. Amaryllis schreibt:

    PS. Ja Reflexion über das Gelesene ist eine gute Sache, aber erstens brauchen dafür wohl die wenigsten Menschen die Öffentlichkeit, im Gegenteil und zweitens (jetzt werden alle über mich herfallen, aber das halte ich aus) nicht in diesem Genre. Gay-Erotik-Romance konsumiere ich einfach zum Ablenken, zum Vergessen wenn meine Konzentration nicht mehr für mehr reicht.

  7. Peggy schreibt:

    Ich bin auch ein „stiller Leser“. Jedenfalls meistens.
    Ich gebe selten Rückmeldung. Meistens, wenn ich die Bücher direkt bei der Autorin/dem Autor kaufe oder das Buch/eBook gewonnen/geschenkt bekommen habe.
    Das ist mir lieber, da ich dann auch spoilern kann. Ich möchte lieber direkt der Autorin/dem Autor sagen diese Szene fand ich gut oder das Ereignis oder diese Reaktion passte für mich nicht. Einen Kommentar ohne Spoiler zu verfassen, ist mir zu aufwendig. Die Zeit nutze ich lieber zum lesen. 😉
    Ich möchte auch nicht, dass meine Meinung zu einem Buch „öffentlich“ ist. Teilweise ich es ja sehr persönlich, warum dieses oder jenes nicht gefällt.

  8. Ramona schreibt:

    Das ist eine normale Frage.
    Hier wird keiner genötigt, Rezensionen zu schreiben – aber vielleicht finden ein paar Leser den Mut, Rezensionen zu schreiben, weil sie sich bisher nicht getraut haben.

  9. Michaela schreibt:

    Gestehe das ich auch stummer Leser geworden bin. Hab am Anfang Rezis geschrieben und viel auf ff gelesen. Der Zeitfaktor spielt ne grosse Rolle. Aber auch die Angst sich nicht so gewählt auszudrücken und dadurch falsch verstanden zu werden. Am liebsten bin ich auf FB unterwegs um bei meinen Lieblingsautoren zu schauen was es neues gibt. Oder was sie für bücher empfehlen. Da like ich und gebe ab und zu Kommentare ab. Ich glaube die meisten sind da halt so wie im echten Leben. Da würde ich auch nie rumlaufen und überall meinen Senf dazugeben. Irgendwie lernt man auch den Menschen und ihre Persönlichkeit hinter dem Autor kennen und kriegt mit wieviel Arbeit da drinn steckt. Aber hauptsächlich ist es die Zeit die fehlt.

  10. j125 schreibt:

    Hey,

    ich glaube, ein großer Faktor ist einfach, dass viele Leute rein das Lesen als Hobby haben und vielleicht gar nicht wissen, dass man öffentlich Rezensionen schreiben kann oder das auch für sie gar nicht in Frage kommt.

    Wenn ich da an meine Familie oder auch mein Umfeld denke, da gibt es sehr sehr viele Leser, nicht so exzessive wie mich, aber durchaus begeisterte Leser, aber für sie ist eine Rezension gar keine Option.

    Es gibt zwar mittlerweile viele Buchblogger und Leute die sich in Portalen wie lovelybooks bewegen, aber ich glaube die Leute und vor allem die Rezensenten machen nur einen geringen Teil der ganzen Leserschaft aus.

    Die Punkte die du genannt hast, haben vielleicht was damit zu tun, warum das rezensieren weniger wird. Aber das grundsätzlich nicht rezensiert wird, liegt meiner Meinung nach einfach an anderen Faktoren.

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