Leseempfehlung: Der linke Fuß des Gondoliere – Jobst Mahrenholz

9783944737997_720x600Inhalt:

Cece, Leo und Pirro sind die besten Freunde. Drei Jungs, die eigentlich nicht unterschiedlicher sein könnten, die aber eines gemeinsam haben: Liebe und Freundschaft.

Cece ist der Sohn eines Bootsbauers, ein bodenständiger Junge, dessen Traum es ist, später selbst Gondeln zu bauen. Leo wiederum ist der Sohn eines Gondoliere. Seine Eltern sind sehr vermögend. Er ist gefangen zwischen Antiquitäten und Traditionen. Pirro kommt aus einem chaotischen Familienhaus mit vielen Geschwistern und unterschiedlichen Vätern und hat ein großes Verlangen nach Luft.

Drei Gegensätze, die sich dennoch perfekt ergänzen. Drei junge Männer, die gemeinsam aufwachsen, die Liebe kennenlernen und erkennen müssen, dass das Leben manchmal grausam sein kann, aber auch großes Glück bereithält.

Anmerkung:

Das Buch stand jetzt fast 4 Monate in meinem Regal. Ich hab es mir auf der Leipziger Buchmesse gekauft und signieren lassen, aber nicht gelesen. Warum? Ich hatte Angst vor diesem Buch. Ich habe schon vorab so viel über diese Geschichte gehört – dass sie sehr an die Substanz gehen soll und es wohl auch zu keinem Happy-End kommt. Zwei Gründe, die mich vom Lesen abgehalten haben, da ich die Gefühle, wie Trauer und Wehmut, die nach so einer Lektüre automatisch aufkommen, nur schwer wieder abstreifen kann.

Die Bewertung von „Der linke Fuß des Gondoliere“ fällt mir sehr schwer, deshalb werde ich auch nicht mein Bewertungssystem anwenden, sondern eine Leseempfehlung aussprechen. Nicht, weil es schlecht ist, ganz im Gegenteil, sondern weil das Buch anders ist. Man kann diese Erzählung nicht einfach in irgendeine Schublade stecken, man muss sie erleben.

Meinung:

Die Geschichte wird aus Ceces Perspektive erzählt, dem Jungen, der immer zwischen Pirro und Leo steht. Das Verbindungsglied dreier Menschen, die sich gesucht und gefunden haben.

Jobst Mahrenholz nimmt uns mit auf eine Reise nach Venedig – in die Stadt der Liebe, der Gondeln und der vielen Brücken. Ich war noch nie in Italien und schon gar nicht in dieser faszinierenden Wasserstadt. Aber durch die detaillierten Beschreibungen zaubert der Autor ein farbenfrohes Bild. Die großen und kleinen Kanäle, die teilweise prachtvoll verzierten Gondeln, die versteckten Lokale und der Duft nach Sonne, Wasser und hunderten Gewürzen. Eine besondere Bedeutung hat ein Tellicherry Pfefferkorn – eine Pfefferart, die neben der gewohnten Schärfe auch einen blumigen und süßen Geschmack besitzt.

Mit ganz leisen Tönen erzählt er die Geschichte einer großen Liebe, die nicht ganz den gewohnten Konventionen folgt und dennoch funktioniert, weil es eben so sein soll. Zehn Jahre lang begleitet man die jungen Männer, durchlebt mit ihnen Höhen und Tiefen, Schmerz und Glück. Alle drei machen eine unfassbare Wandlung durch. Pirro erinnert an ein flatterhaftes Vögelchen, das lange Zeit eingesperrt wurde und nun endlich die Freiheit genießen möchte und ein starkes Verlangen nach Luft und Weite hat. Cece ist der beständigste. Er entwickelt sich natürlich auch weiter, aber eher gemächlich. Leo wiederum vollführt eine 180° Wendung. Dieser blasse, traurige Junge hat es mir von Anfang an angetan. Man hat Angst, dass er zerspringt – so fragil wirkt er.

„Die Perluccis liebten Antiquitäten. Überall blinkten polierte Hölzer und gläserne Vitrinen. Im Kontrast dazu pflasterte moderne Kunst die Wände. Ich muss zugeben, mich beeindruckte das immer wieder. Es war, als besuche man ein Museum, und mittendrin – der unglückliche Leo, leichenblass, ja, fast schon transparent neben all der Opulenz.“ (Seite 14)

Gerade durch diese unglaublich leise Erzählweise, bekommt die Geschichte eine fast schon unheimliche Tiefe und Eindringlichkeit, die mich nicht mehr losgelassen hat. Das geht direkt ins Herz.

Ich blicke voller Wehmut auf das Ende und weiß nicht genau, wie ich mich fühlen soll. Glücklich, dass ein Engel nach Hause gegangen ist oder traurig darüber, dass das Leben manchmal wirklich grausam sein kann? Ich glaube, ich bin beides.

Diese Geschichte ist ein ganz kostbares Geschenk, ein kleines Wunder voller Düfte und Emotionen. Jobst Mahrenholz hat ein beneidenswertes Talent, Worte sichtbar zu machen und große Gefühle mit ganz leisen, zarten Tönen zu transportieren. Dieses Buch kann man nicht einfach so zwischendurch mal lesen. Man muss es genießen.

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12 Gedanken zu “Leseempfehlung: Der linke Fuß des Gondoliere – Jobst Mahrenholz

  1. tonikuklik schreibt:

    *schluck*
    Na wunderbar … Ich wollte dieses Buch so unbedingt lesen. Jetzt habe ich NOCH MEHR Angst davor. Ich fange ja schon bei deinem Artikel zu weinen an. Na, mal sehen, ob ich je den Mut finde, es aufzuschlagen …
    Rührende Worte und eine wirklich schöne Leseempfehlung.
    Danke.

      • tonikuklik schreibt:

        Iiiich … wede mir noch etwas Zeit lassen. Ich finde es ja immer irgendwie schön, wenn ich höre, dass die Leute vor meinen Büchern Angst haben – aber selber bin ich als Leser ein totales Weichei!

      • Ramona schreibt:

        Ich bin da auch megasensibel, deshalb stand es auch monatelang ungelesen im Bücherregal.
        Mich verfolgen solche „Happy-End“-freien Bücher immer sehr lange, aber hier war ich schlussendlich irgendwie versöhnt.

        Wenn ich da an „Staub & Stolz“ denke, dann wird mir jetzt noch anders. Das Buch hat mich echt fertig gemacht.

      • tonikuklik schreibt:

        Ich weiß noch, wie wir damals in der Schule „Drachenläufer“ gelesen haben. Ich war irgendwie zu jung und gleichzeitig schon zu sensibel – Gott, habe ich dieses Buch gehasst! Seit her hat mich keines mehr so fertig gemacht. Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich nur an das Cover denke – dabei kann ich mich an den Inhalt kaum noch erinnern.

      • Ramona schreibt:

        Das Buch kenne ich leider nicht.
        Ich finde es immer sehr schlimm, wenn man ein Buch zuschlägt und dann nur ein beklemmendes oder schlechtes Gefühl bleibt.
        Das ist für mich der purer Horror. Egal, wie gut es sonst ist.

      • tonikuklik schreibt:

        „Drachenläufer“ (oder hieß es „Der Drachenläufer“?) hat mir arge Aggressionen geweckt! Ich habe in meinem Leben nie ein Buch schlecht behandelt – außer dieses. Ich oute mich: Es flog sogar durch mein Zimmer und knallte mehrfach gegen die Wand!

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